Für echte Broadway-Fans: Ein gebrauchter Gipsverband für 4250 Dollar

Jedes Jahr pilgern in New York Zehntausende Theaterfans zum Broadway-Flohmarkt. Neben alten Programmheften längst abgesetzter Stücke und Tausenden Plakaten zur Wohnungsdeko finden sie dort auch einmalige Requisiten. Doch die Veranstaltung hat einen ernsten Hintergrund.

Foto: Christian Fahrenbach/dpa

Auf den ersten Blick tobt in dieser Seitenstraße am New Yorker Times Square ein Flohmarkt wie überall sonst auch auf der Welt: Tapeziertische sind vollgestellt mit Ramsch und Trödel, verschrobene Profis kramen durch Kartons mit alten CDs und im Vorbeigehen hört man: «Unter 30 Dollar kann ich unmöglich gehen.» Dass dieser Flohmarkt aber etwas Besonderes ist, wird spätestens dann klar, als aus einem Lautsprecher ein paar Takte Musik tönen und Dutzende Passanten plötzlich Hits aus «Phantom der Oper» und «Hamilton» singen. Wundern tut das hier keinen, denn beim 32. Broadwayflohmarkt stehen nur Dinge zum Verkauf, die mit der wichtigsten Theatermeile der Welt zu tun haben. Das kann auch schonmal ein während der Vorstellung getragener Gipsverband sein.

«Wir haben sicher schon zehn Stück davon verkauft», sagt eine freiwillige Helferin am Stand von «Dear Evan Hansen» über ihren Bestseller. Das Musical handelt von einem unsicheren Teenager, der die meiste Zeit eben einen solchen Gips trägt - angeblich, weil er von einem Apfelbaum fiel. 250 Dollar (215 Euro) kostet ein solches bei jeder der acht Vorstellungen pro Woche neu entstehendes Erinnerungsstück. Die anderen Souvenirs bei ihr sind ein wenig traditioneller: Programmhefte, Kalender von 2018 mit Textzeilen («Nur ein Dollar!») und unterschriebene Mini-Poster.

Anderswo gibt es Bademäntel zum 2006 nach nur 57 regulären Vorstellungen eingestellten Johnny-Cash-Musical «Ring of Fire» für zehn Dollar, Fahnen, die von der Verleihung der Tony Awards 1996 künden und rote Lederschuhe einer Nebenfigur aus der Musicaladaption des Adam-Sandler-Films «The Wedding Singer», beide ohne Preisauszeichnung. Wirklich energisch handeln ohnehin die allerwenigsten der vielen Zehntausend Flohmarktbesucher, denn sie wissen, dass der Erlös dieses Tages einem guten Zweck zu Gute kommt.

Seit 1989 veranstaltet die Wohltätigkeitsorganisation «Broadway Cares/Equity Fights AIDS» die Aktion und finanziert damit unter anderem die medizinische Versorgung vieler HIV-Kranker in der chronisch von Armut bedrohten Schauspieler- und Theatergemeinschaft. Ende der 1980er Jahre - im Kampf gegen AIDS gegründet - hat die Organisation nach eigenen Angaben bisher mehr als 300 Millionen Dollar gesammelt, im letzten Jahr allein beim Flohmarkt erstmals mehr als eine Million Dollar. Wie großzügig diese Gemeinschaft von Theaterverrückten sein kann, zeigt sich an diesem Sonntag dann nirgendwo besser als beim Herzstück der Veranstaltung, einer Auktion mit besonders ausgefallenen Theaterobjekten.

Durch die führt launig Schauspieler Bryan Batt, Salvatore Romano aus «Mad Men». Als es um vier Tickets für den «König der Löwen» inklusive kleiner Statistenrolle geht, scherzt der Broadway-Veteran: «Vielleicht dürfen sie Steppengras spielen, wer weiß?» Am Ende steht das Höchstgebot bei 2950 Dollar. Und schließlich geht es auch auf der Hauptbühne wieder um einen Gipsverband, in diesem Fall sogar um einen, den Ur-«Evan Hansen» Ben Platt getragen hat.

Außerhalb der Theatercommunity steht der Mittzwanziger («Pitch Perfect») immer kurz vor dem großen Durchbruch, aber hier vergöttern sie ihn spätestens, seitdem ihn vor zwei Jahren die «New York Times» in dieser Rolle verdient zum neuen Musical-Superstar hochgeschrieben hat. «Leute, an diesem Gips klebt Ben-Platt-DNA», sagt Batt. «Ihr könnt ihn aus diesem Ding klonen!» Ein Fan zahlt 4250 Dollar - derzeit rund 3700 Euro.

New York (dpa)

Hier ein Zusammenschnitt vom Flohmarkt 2017