Saarland

Freiheit auf Wiederruf

Saarland startet Corona-Modellprojekt

Terrasse (Symbolbild) - Foto: Peter Fath/RTL
Terrasse (Symbolbild) - Foto: Peter Fath/RTL

Trotz gestiegener Infektionszahlen hat das Saarland als erstes komplettes Bundesland in einem Modellversuch einige Corona-Regeln wieder gelockert.

Zahlreiche Einrichtungen und Häuser durften am Dienstag vorerst öffnen, dazu zählten neben der Außengastronomie etwa auch Fitnessstudios und Theater. Wer das Angebot nutzen möchte, braucht in der Regel einen negativen Corona-Schnelltest, der nicht älter sein darf als 24 Stunden. Zudem dürfen sich im Freien bis zu zehn Menschen treffen, wenn sie negativ getestet worden sind. Mit dem sogenannten Saarland-Modell will die Landesregierung den Bürgern wieder mehr Freiheiten ermöglichen.

Öffnungen von Gastronomie, Kinos und Sportstätten wie im Saarland sind aus Sicht des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach aber ein falsches Signal angesichts der weiter stark grassierenden Pandemie. Nötig sei vielmehr ein "harter Lockdown" mit verschärften staatlichen Beschränkungen, sagte er im RTL/ntv-"Frühstart". "Ein Lockdown, der jetzt beginnt, ist nicht vermittelbar, wenn gleichzeitig in Modellprojekten gelockert wird." Zu einem harten Lockdown gehören aus seiner Sicht Ausgangsbeschränkungen, aber auch eine Homeoffice- und Testpflicht in den Betrieben. Lauterbach hält Lockerungen erst für möglich, wenn die Zahlen nachweislich sinken.

In Saarbrücken ließen sich am Dienstagmorgen zahlreiche Menschen "freitesten". Die 29 Jahre alte Marie Groß, die vor einem Testzentrum der Landeshauptstadt wartete, nannte es "menschlich nachvollziehbar, dass die Leute ungeduldig werden". Sie rechne aber mit erneuten Schließungen und sei für einen kurzen, konsequenten Lockdown, sagte die Psychologin der Deutschen Presse-Agentur.

Unklar war, wie viele Restaurants und Kneipen tatsächlich öffnen werden - zumal das kühle Wetter für die Außengastronomie nicht sehr geeignet schien. "Es ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, aber für viele Betriebe wohl unwirtschaftlich", sagte Monika Müller von der Wirtschaft "Glühwürmchen" in Saarbrücken.

Der Wirtschaftsrat im Saarland hatte mitgeteilt, er unterstütze das Projekt. Nach mehr als einem Jahr der Pandemie müssten die verantwortbaren Öffnungsschritte unter den beschlossenen Auflagen möglich gemacht werden, damit auch die Saarländerinnen und Saarländer ein Stück weit ihre Lebensqualität zurückerlangten und damit die regionale Wirtschaft eine Perspektive habe, hatte der Rat mitgeteilt.

"Es muss uns nach einem Jahr Pandemie mehr einfallen als nur zu schließen und zu beschränken", hatte auch Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) gesagt. Für die stellvertretende Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) ist das Saarland-Modell "ein klares, verlässliches System", das auf die Verantwortung der Bürger setze. "Mit Vorsicht schaffen wir mehr Freiheiten. Ob sie halten, liegt an uns allen."

Die Öffnungen sind nach dem Beschluss der Regierung in dieser Form nur erlaubt, solange die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern binnen einer Woche, stabil unter 100 liegt. Steigt die Inzidenz an 3 Tagen über 100, greift ein Ampelsystem - mit einer dann ausgeweiteten Testpflicht (gelb) unter anderem für den Einzelhandel. Wenn eine Überlastung des Gesundheitswesens droht, soll die Notbremse (rot) gezogen werden: Die Öffnungen werden kassiert, es folgt ein Lockdown.

Am Ostermontag war im Saarland eine Inzidenz von 91,3 gemeldet worden. Vor zwei Wochen (23. März) lag sie noch bei 65,6. Dass das Saarland das Projekt in einer Zeit steigender Infektionszahlen startet, war bundesweit bei Politik und Wissenschaft auch auf Kritik gestoßen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete die Ankündigung als "sehr gewagt". Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte am Wochenende einen "Brücken-Lockdown" in Deutschland gefordert. Damit solle die Zeit überbrückt werden, bis viele Menschen geimpft seien. -dpa

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